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16. September 2014

Tochter sein.

Turbulente Zeiten liegen hinter mir. Innerhalb weniger Monate hat sich mein Leben so schnell und so grundlegend verändert, dass nichts mehr ist, wie es vorher war. Ich habe keine schweren Schicksalschläge erlebt, ganz im Gegenteil. Die Veränderungen habe ich selbst gewählt. Fast alles, was nun anders ist, wollte ich genauso. Und vieles davon gehört wohl einfach zu dem, was man Erwachsenwerden nennt: erste richtige Arbeitsstelle nach der Uni, erste eigene Wohnung, verheiratet sein.


Anfangs noch begeistert und voller Energie Kopf über und rasend schnell auf ins neue Leben! bin ich gerade nur noch ein gefühlter Schatten meiner selbst, der sich durch den Tag schleppt. Dennoch verlange ich Höchstleistungen vor mir. Auf der Arbeit möchte ich meine Texte trotz Müdigkeit dennoch perfekt und möglichst eloquent schreiben, in den Meetings möchte ich dennoch mitdenken und schlaue Beiträge geben, meine E-Mails will ich weiterhin ausführlich beantworten und die Gespräche mit meinen Studenten will ich natürlich einfühlsam führen. Nach der Arbeit erwarte ich von mir, dass ich frisch und ausgeruht zum Einkaufen fahren kann, um eine möglichst ausgewogene, gesunde, aber nicht zu teure Auswahl an Lebensmitteln für die Woche treffe. Abends möchte ich selbstverständlich noch Brot backen oder Marmelade einkochen oder ein anregendes Gespräch mit meinem Mann führen, drei Freunde anrufen und meiner Familie Karten schreiben.

Stattdessen falle ich abends auf die Couch mit dem Gefühl, auch das letzte Tröpfchen Energie sei mir im Laufe des Tages abhandengekommen. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich meine freie Zeit nicht sinnvoller nutze. Ich ärgere mich, dass ich nicht so produktiv war. Ich ärgere mich, dass ich nicht so eloquent, so einfühlsam, so großartig heute war. Ich fühle mich ganz und gar nicht erwachsen. Sondern wie ein kleines Kind, dass völlig überwältigt ist von diesem großen Ding "Leben".



Aber während ich müde und traurig meinen trüben Gedanken nachhänge ("Wieder ein vergeudeter Tag!") flüstert er mir zu "Mein Tochter, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Ich erinnere mich an den Morgen. Und den davor. Und den davor! An alle die Morgende, an denen ich zugelassen habe, dass Sorgen, Aufgaben und Pflichten meine Gedanken eingenommen haben, bevor ich mich an meine Kraftquelle anschließen konnte. Ich weiß, dass der Platz in meinem Leben die Arbeitsstelle, die ich habe, die Ehe, die ich führe dass dieser Platz von meinem Gott gewollt ist. Dass er Türen geöffnet und geschlossen hat und ich mit seiner Hilfe nun hier stehe. Warum versuche ich also, im Alleingang alles zu schaffen? Warum versuche ich mich immer wieder von ihm loszustrampeln denn: Ich bin ja schon erwachsen! Ich schaff das alleine!! und den Tag ohne ihn zu meistern?




Ich möchte aufhören, aus mir heraus zu produzieren. Ich möchte wieder anfangen, in der Frühe, am Morgen, ihn zu suchen, mich mit seinen Gedanken zu befassen, seine Gedanke meinen Kopf füllen lassen. Ich möchte wieder neu damit beginnen, aus seiner Kraft zu leben. Gerade dann, wenn ich mich am schwächsten fühle. Gerade dann, wenn ich überwältigt und ratlos bin, wie alles zu schaffen ist, was ein ganz normaler Alltag bringt.

Ich möchte aufhören, so zu tun, als hätte ich alles unter Kontrolle. Ich möchte wieder beginnen, vor Gott ein Kind zu sein, dass ihn braucht und ihn sucht. Ich weiß, dass ich seine geliebte Tochter bin.

Ich möchte wieder anfangen, auch so zu leben.  Von ihm, aus ihm.


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