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1. April 2016

Von der Kunst, das Unsichtbare zu sehen

Vor einer Weile war ich auf einer Schulung von der Arbeit aus. Eine ganze Woche. Ich hatte sogar mein Kartenlesegerät mitgenommen, weil ich plante - ehemmmm!! - zwischendrin mal ein bisschen zu bloggen, aber nix da! Die Woche war so unfassbar voll, dass ich, als ich nach Hause kam, erst mal zwei Tage wie ein Alien durch meine eigene Wohnung gelaufen bin, ab und zu einem anderen Außerirdischen über den Weg lief (im Nachhinein stellte sich heraus: Es war mein Mann.) und katzenartigen 15 Stunden am Tag geschlafen habe. Puh! Mittlerweile geht's schon etwas besser; das sehe ich z. B. daran, dass ich wieder Lust habe, am Tisch zu essen und mich zu benehmen.

Na ja, so war das. So genau wollte ich euch das eigentlich gar nicht erzählen, sondern von einer anderen Begebenheit. Während dieser Woche haben wir zahlreiche Angebote für die Teilnehmer gehabt, Vorträge, Workshops, Diskussionsrunde usw. Meine Aufgabe als Mitarbeiterin war es, nicht einen von den großen Vorträgen zu halten oder eine Diskussionsrunde elegant zu moderieren oder so. Nein, ich habe nur das Teilnehmerheft gedruckt. Und nur andere Sachen gedruckt. Und morgens nur aufgeräumt, bevor alle in den Seminarraum kamen.




Und im Laufe der Woche schlich sich da eine kleine Stimme in meinem Kopf, die raunte (bitte vorzustellen mit sarkastischem Unterton) "Boa, du kannst ja toll aufräumen. Na, zum Glück musst du keinen Vortrag halten, das könntest du nicht so gut." Alles Verscheuchen brachte gar nichts, bis ich mir ziemlich klein mit Hut vorkam und mir sagte, ja, wirklich gut, dass ich nur Sachen ausdrucken musste und so. Eine andere Stimme in mir wetzte jedoch ihre Messer schon zum Angriff und motzte: "Na toll, Aufräumen, pffft! Was für'n Job! Warum darf ich nicht dieses und jenes machen?! Warum wurde ich nicht gefragt?!" (Was insofern total dumm und irrational war, weil ich sehr wohl gefragt worden war, im Voraus).

Einens Abends saßen wir mit Kollegen noch in geselliger Runde, als mich einer ansprach und sagte: "Also, man sieht ja richtig deine Handschrift in den Heften!". Kurzes Stirnrunzeln meinerseits, ein eloquentes, lang gezogenes "Häääää?" dahinter geschoben. "Ja, total! Du hast so einen Stil, alles so schön gestaltet, und total übersichtlich und man findet alles! Mir ist das auch immer total wichtig. Ich find das gut, wie du da machst." "Aaaach daaaas, das ist doch nix..., murmel ich. "Doch, doch, und auch der Raum!! Der trägt auch deine Handschrift! Du räumst immer alles weg, und wenn wir anfangen, ist alles wieder startbereit für den nächsten Tag." Inzwischen perplexes Schweigen auf meiner Seite.

Oh, diese Sätze waren Balsam für meine Seele. Balsam! Da war jemand, der die Kleinigkeiten gesehen hat. Meinen Beitrag, der mir ja eben noch so banal vorkam. Das Unscheinbare, das Selbstverständliche, das fast Unsichtbare. Die Dinge, die Atmosphäre schaffen. Die zu Hause schaffen. Wohlfühlen. Ankommen. Konzentration auf wichtigere Sachen. Diese unsichtbaren Dinge, die im Hintergrund "passieren" sind essenzielle Wegbereiter, ohne die es nicht gehen würde.

Tja, da saß ich nun, glücklich und dankbar, dass mein Beitrag doch nicht klein und unbedeutend war. Kennt ihr solche Momente? Das ist, wie wenn mir Gott einen Schulterklopfer gibt und sagt, "Sieh's nicht so schwer. Du liegst nämich ein bisschen daneben!"


Vielleicht denkst du dir auch gerade, dass die Aufgabe, die du bekommen hast, zu klein ist. Eine, in der du gar nicht deine Talente zeigen kannst. Eine, die nie jemand sieht, wenn du sie gemacht hast (z. B. zum hundertsten Mal die Wohnung sauber gemacht ohne ein Wort des Danks). Dann denke daran, dass diese Aufgaben wichtig sind! So wichtig, wie es ist, die Erde im Beet erst mal umzugraben und von Steinen und Unkraut zu befreien, bevor man etwas pflanzen kann. So wichtig, wie die Bühne erst mal gebaut werden muss, bevor der weltberühmte Star sie betreten kann. Dein Dienst im Hintergrund ist grundlegend und hat großen Wert; auch wenn er oft nicht so gerühmt wird, wie die offensichtlichen Dinge.

Oder du hast gerade eine von diesen prestigeträchtigen Aufgaben. Und bist froh, dass andere die Kleinigkeiten im Hintergrund regeln. Dann sag "Danke! Ich sehe, was du tust. Und es ist großartig!"

Ich möchte mehr und mehr eine Frau werden, der diese Kleinigkeiten auffallen - und die das auch ausspricht und nicht nur als selbstverständlich hinnimmt und darüber hinweggeht. Sondern eine, die sie heraushebt und die Menschen, die dafür verantwortlich sind, lobt und würdigt. Denn das haben sie wirklich verdient!

Der menschliche Körper hat viele Glieder und Organe, doch nur gemeinsam machen die vielen Teile den einen Körper aus. So ist es auch bei Christus und seinem Leib. [...] Auch der Körper besteht aus vielen verschiedenen Teilen, nicht nur aus einem. [...] Stellt euch vor, euer ganzer Körper wäre nur Auge - wie könntet ihr da hören? Oder wenn euer ganzer Körper nur Ohr wäre, wie könntet ihr da etwas riechen? Gott hat unseren Körper mit vielen Gliedern und Organen geschaffen und jedem Körperteil seinen Platz gegeben, wie er es wollte. Was wäre das für ein seltsamer Körper, wenn er nur aus einem einzigen Körperteil bestehen würde! [...] In Wirklichkeit sind oft gerade die scheinbar schwächeren oder unwichtigeren Körperteile besonders notwendig. 
1. Korinther 12,12-22



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